Leipziger Allerlei - German Nationals Report 2007
Kolumbianische Krawatten
Um zu erklären, warum die Veranstaltung mit dem komplizierten Namen (siehe Titel) eine ganz besondere Stellung im jährlichen Turnierkalender einnimmt, muss ich ein wenig ausholen:
In einer Zeit als Magic-Decks noch in farblose Hüllen getütet wurde, Standard Karten wie Necropotence (natürlich viermal) und Stasis enthielt und jegliche Form von Kommunikation unter den Spielern in gedruckter Form der Magazine Duelist oder Kartefakt stattfand, in genau dieser Zeit von der unser Professor Pischner zur Zeit sehr anschaulich berichtet, war die berühmte ProTour mit all ihren umgebenden Spielereien wie Grand Prix, Qualifikationsturnieren, Trials etc. nur eine Turnierserie. Die DM dagegen das vielleicht wichtigste Turnier des Jahres - zumindest für uns Normalsterblichen. Hier wurde schließlich der Deutsche Meister gesucht, der beste Spieler Deutschlands also. Damit konnte man in den Dörfern und Städten der Republik etwas anfangen.
Nun sind nur die wenigsten aktiven Spieler damals schon mit dabei gewesen und so liest sich das ganze Gefasel wahrscheinlich wie die wehmütigen Erinnerungen eines alten Mannes. Vielleicht ist es auch so, andererseits gibt es auch heutzutage sicher noch eine ganze Menge junger Menschen, die - begleitet von Bushidos lyrisch-musischen Ergüssen - keine Ahnung von den wichtigen Dingen der Welt - also ProPlayer Punkte, Rating usw. - haben und einfach nur lesen: Bodo Rösner - Deutscher Meister 2007. Und das klingt doch auch gar nicht schlecht.
Davon abgesehen ist gerade die (scheinbare) Bedeutungslosigkeit eine gute Möglichkeit, Magic mal wieder als das zu sehen, was es eigentlich ist: Ein Kartenspiel.
Zu so einem Spiel gehören natürlich auch immer die richtigen Leute. In unserem Fall wurde dafür einfach mal die Pension "Irmgard" in Weibersbrunn für die vereinte Spielerschaft aus Sachsen, Hamburg und Bremen gemietet.
Weibersbrunn selbst hat bestimmt nicht mehr als (gefühlte) 120 Einwohner, deren summiertes Alter allerdings die Tausend deutlich übersteigen sollte. Berühmt geworden ist der Ort durch seine CSU-Treue und die wahrscheinlich dichteste Verteilung von Bayernfahnen pro Einwohner.
Für die Fahrt in dieses Traumdorf war diesmal eine weitere technische Neuerung der Unterhaltungsbranche zu Testzwecken mitgenommen wurden: Das Hörbuch.
Wie es sich für den Germanistik-Studenten gehört, fiel meine Wahl auf den Matrix- geprägten "Morpheus". Die Anleitung versprach einen Thriller der Extraklasse, genau das Richtige also, um die müden Fahrer bei Laune zu halten.
Die Idee war also klasse, das Buch leider nicht, auch wenn einige Details, wie bspw. die genaue Ausführung einer kolumbianischen Krawatte (die ich aus Jugendschutzgründen lieber nicht wiedergebe) zumindest dafür sorgen konnten, dass zumindest niemand die süßen Träume haben würde, die der Titel durchaus suggerierte...
Von Zauberschlingen, Dodecapods und dem gefürchteten Schnitter
Wer an diesem Abend vor der DM in den Aufenthaltsraum der Pension Irmgard im betuchten Weibersbrunn geschaut hätte, würde nicht glauben, dass nur drei Tage später zwei der Anwesenden das Finale bestreiten würden.
Zwei Gruppen konnten dabei unterschieden werden: Die Vorbereiteten und die Unvorbereiteten. Letztere waren am Überlegen, was sie in einigen Stunden spielen würden und Erstere suchten einfach die Karten zusammen - oder entschieden sich, plötzlich unzufrieden mit ihrem Deck zu sein und rutschten dadurch automatisch wieder in die andere Gruppe.
Eine typische Szene des späteren Abends zeigte u.a. die Herren Schröder und Rösner aus Bremen, die nebeneinandersitzend ihre potentiellen
Sideboardkarten zu sortieren versuchten. Das dabei stehende Bier für 4 Euro/Kasten half bei der Entscheidungsfindung bestimmt.
Bodo: "Was soll ich denn im Sideboard spielen...?"
Alex: "Mmm, du hast zu wenig Karten - ich zu viel..."
Bodo: "Dann gib mir halt was ab."
Alex: "Ich bin doch der monoblaue Magier - ganz anderes Deck..."
Bodo: "Was ist denn mit diesen Dodecapods - braucht man die?"
Alex: "Wahrscheinlich nicht..."
Bodo: "Egal, gib her..."
Ich selbst hatte so kurz nach dem PTQ in Magdeburg so gar keine Lust, anständig Karten zu spielen und aus diesem Grund erschien mir auch die Idee, eine Art GlitteringWish-Control zu spielen, durchaus nachvollziehbar.
Außerdem konnte ich dann Karten wieder rumdrehen, mit denen ich schon vor 9 Jahren oder so um die DM-Top-8 gekämpft hatte. Wie die Zeit vergeht.
Folgendes Konstrukt sollte es dann richten:
- 4 Edge of Autumn
- 4 Wall of Roots
- 1 Farseek
- 2 Wrath of God
- 1 Damnation
- 4 Putrefy
- 4 Glittering Wish
- 3 Loxodon Hierarch
- 2 Crime/Punishment
- 3 Castigate
- 2 Head Games
- 3 Harmonize
- 2 Schnitter, der
- 2 Angel of Despair
- 3 Flagstones of Trokair
- 4 Overgrown Tomb
- 2 Temple Garden
- 1 Forest
- 2 Swamp
- 2 Plains
- 1 Godless Shrine
- 1 Selesnya Sanctuary
- 1 Golgari Rot Farm
- 2 Llanowar Wastes
- 4 Treetop Village
- Sideboard:
- 1 Head Games
- 3 Extirpate
- 4 Slaughter Pact
- 1 Loxodon Hierarch
- 1 Castigate
- 1 Debtors' Knell
- 1 Dark Heart of the Wood
- 1 Mortify
- 1 Orzhov Pontiff
- 1 Angel of Despair
Ich könnte jetzt seitenweise darüber schreiben, wie unendlich gut das Deck ist, welche Idee hinter welchen einzelnen Karte steckt, warum bestimmte Sachen nicht dabei sind und vieles mehr.
In dem Moment, wo ich das schreibe, sind es noch volle zwei Tage bis zum Prerelease. Mit anderen Worten: Ungefähr niemand wird sich noch für dieses Standard-Format interessieren - wenn doch, nehmt dieses Deck und spielt es. Es ist ziemlich gut, wenn kein Dredge im Metagame rumläuft...
Das war auch das, was ich allen Leuten in Weibersbrunn erzählte, doch irgendwie ließ sich nur der Eric noch davon überzeugen, es zu spielen. Wie schnell doch Vertrauen verloren geht...
Bei der DM selbst schaffte ich es auch tatsächlich zum 4-1, wobei das -1 gegen den Bodo kam, der an diesem Tag wahrscheinlich auch die T1-Decks mit dem Angelfire umgehauen hätte.
Aber wie heißt es so schön: Es ist besser auszubrennen, als zu verblassen...
Die Siege kamen gegen TarmoRack, GWR-Beatz, Dredge (!) und OmniChord. Letzteres ist übrigens so ungefähr das beste Matchup, Dredge halt das schlechteste.
Die Frage wäre jetzt, warum ich nur 5 Spiele machte und nicht die geplanten 7...
Drafting Mono-U und GW-Sliver
Wenn ich vom Standard keinen Plan hatte, dann hatte ich vom Draften gar keinen. Hier im schönen Osten fehlt einfach das Geld, für RL-Drafts
(außerdem auch an den Leuten, die halbwegs kompetent die Karten picken) und um in den Internet-Modus zu gehen, fehlt...nun ja...das Internet.
Aufgrund dieser Tatsache überraschte es mich nicht wirklich, dass ich in meinem ersten Draft auf einmal das monoblaue Draftdeck vor mir auslegte. Bevor das jemand sah, habe ich noch schnell irgendwelche guten Karten aus Grün und Schwarz dazugetan, damit es einfach bunter aussieht. Immerhin mussten 4 Runden damit absolviert werden:
- Harrow-Man
- Gossamer Phantasm
- Maelstrom Djinn
- 2/3 unblockbar-Suspender
- Shaper Parasite
- Unblinking Bleb
- Fathom Seer
- Aquamorph Entity
- Aquamorph Entity
- Gathan Raiders
- 2/2 Sceada
- Deadwood Treefok
- Piracy Charm
- Think Twice
- Logic Knot
- Erratic Mutation
- Erratic Mutation
- Wipe Away
- Ichor Slick
- Mystical Teachings
- Foresee
- Eternity Snare
- Sprout Swarm
- 13 (11) Island
- 3 (4) Forest
- 2 (3) Swamp
In den Klammern die richtige Manaverteilung, wie ich sie immer in den Spielen 2 und 3 gespielt habe...
Ansonsten achte man bitte auf die hervorragende Manakurve. Sieht ein wenig aus wie eine Faust mit Stinkefinger.
Mit diesem Deck bin ich auch direkt 3-1 gegangen, wobei ich zunächst gegen den späteren Top8-Mann Thomas Koch verlor, der eine beachtliche Menge an grünen und weißen Würsten mit grünen und weißen Wurst-Verzauberungen verstärkte und mich unendlich einstampfte. So in Runde 4 oder so.
Dafür gewann ich natürlich gegen die guten Decks mit Damnation oder den Jörg Unfried, der traditionell im dritten Spiel bei einem Land aufhörte weiter mitzumachen...
Am Ende vom ersten Tag stand ich somit irgendwie 6-1 und das verfrachtete mich an den Drafttisch Numero Uno. Bei diesem Draft stand immer eine Nase mit Stift hinter jedem Spieler. Leider ist das wohl irgendwo verloren gegangen. Oder der TobiH hat es absichtlich vernichtet, um Magic-Deutschland nicht dem Gelächter der anderen Nationen auszusetzen.
Zum Glück habe ich natürlich vergessen, wie es zu folgendem Deck kam, aber eigentlich sah es gar nicht so schlecht aus:
- Baloth
- Archer
- Archer
- Gemhide Sliver
- Sinew Sliver
- Sinew Sliver
- Quilled Sliver
- Ashcoat Bear
- Watcher Sliver
- 3/3 Lumengrid-Flieger
- 3/5 Tap Treefolk
- Lymph Sliver
- Castle Raptor
- Jedit Ojanen
- Citanul Woodreaders
- Haste-Wurm
- Might of old Krosa
- Search for Tomorrow
- Scout's Warning
- Utopia Vow
- Utopia Vow
- Judge Unworthy
- Temporal Isolation
- 10 Forest
- 7 Plains
Es ist übrigens ein gutes Zeichen, wenn ich am Ende einer Draftsaison noch immer nicht alle Namen der Commons drauf habe...
Dieses Deck sah jedenfalls ganz ordentlich aus...und ging logischerweise 1-2.
Im ersten Match wurde ich unendlich vernichtet (siehe Coverage), im zweiten war es wieder der Herr Koch mit seinen treuen weißen und grünen Freunden, denen ich leider nur Länder und mehr Länder vorsetzen konnte - und das zwei Spiele lang.
Dann folgte das dritte Match, wo ich in Spiel 1 für ungefähr 82 gegen das gegnerische Board aus Morph und nichts angriff...
...
...
Es wurde geflippt...
...
...
Fortune Thief...
...
Für den hatte ich immerhin 0 Outs. Das ist wenig.
Das zweite Spiel lief genau so...
Bis zu dem Moment als ich nach ungefähr 12 Runden die gefürchtete Klapper des Todes zog und den Dieb einfach kaputt machte. Im dritten tauchte er dann überraschenderweise gar nicht mehr auf.
Großartiges Spiel, dieses Magic.
Vielleicht lag es auch alles nur an der Buttermilch.
Was hier sehr philosophisch klingen mag, ist eigentlich ganz platt. Verdorbene Buttermilch getrunken führt zu Magenproblemen führt zu Unwohlsein führt zu Konzentrationsverlust führt zu Drop.
Schließlich musste auch noch Fußball gespielt werden.
6-14
Neben den Pappkarten gibt es am DM-Wochenende noch ein zweites wichtiges Event: Das Länderspiel Ost gegen Nord. Anders als der Bodo das beschreibt, war es sogar schon die dritte Instanz dieses sportlichen Leckerbissens. Damals in Bonn wurde nämlich einfach das Traingsgelände des 1.FC Köln unsicher gemacht, wo dann ein gewisser Herr Budde zum Matchwinner für den Westen avancierte...
Diesmal also war die Arena Weibersbrunn Austragungsort. Gezählte 1 zahlende Zuschauer sahen ein kampfbetontes Spiel, bei dem der Norden zu Beginn seine technische und vor allem taktische Überlegenheit voll ausspielen konnte. Angetrieben von einem nimmermüden Johannsen im defensiven Mittelfeld, war es immer wieder Max Gamper, der gegen die neu formierte Abwehr der Sachsen treffen konnte. Diesen merkte man auch deutlich das Fehlen ihres Berliner Neuzugangs Maij an, ohne dessen ordnende Hand dem Offensivspiel die Ideen fehlten.
Nach dem Wechsel fand beim beruhigenden Vorsprung von 12-0 ein spontaner Spielertausch statt, in dessen Folge Dennis Johannsen das Spiel des Ostens ankurbeln konnte.
Auch die moralische Überlegenheit der aufopferungsvoll kämpfenden Sachsen gegen die im sicheren Gefühl des Sieges immer leichtsinniger agierenden Hamburger/Bremer soll nicht unerwähnt bleiben.
Am Ende stand ein verdientes 14-6 und das übliche Versprechen auf Revanche im nächsten Jahr.
Es gibt halt Tage, da verspeist man den Bären, und Tage, da wird man eben vom Bären verspeist...
A3, AA, AB
Die Vorteile von Weibersbrunn habe ich ja schon dargelegt, hier ein relevanter Nachteil: Man muss jeden Tag ein paar Kilometer Autobahn fahren, um nach Aschaffenburg zu kommen. An sich kein größeres Problem. Es sei denn, auf der Autobahn fährt nichts. So geschehen an Tag 1 der DM.
Unsere Minikolonne aus 4 Autos konnte sich zum Glück recht schnell auf dem Standstreifen zur nächsten Ausfahrt retten und von dort gen AB hangeln. Auf dieser Reise wurde an späterer Stelle wieder die Autobahn überquert und die sah recht flüssig aus. Da die Zeit knapp wurde, war das genau die Möglichkeit wieder welche gut zu machen.
"Auf der A3 sind ein paar LKWs in einander gefahren. Die Bergung kann Stunden dauern". Verkehrsfunk, Freitag, ca. 10 Minuten vor Beginn des Turniers.
Leider lag die nächste Ausfahrt nicht vor, sondern hinter uns. Ein Problem, in der Tat, aber keines, was sich nicht lösen lässt:
1. Gespräche mit den Autos führen, die hinter einem auf dem Standstreifen stehen, um diesen (ausschließlich Nicht-Deutsch sprechenden) Menschen klar zu machen, wie der Plan aussieht.
2. Zusehen, dass diese Autos irgendwie in die stehende Meute reinkommen. Zur Not muss man dann auch mal quer auf der A3 stehen...
3. Ein paar Freiwillige, die nicht mehr sonderlich an ihrem Leben hängen, laufen den Standstreifen zurück zur Ausfahrt, um alles zu blocken, was entgegen kommt. Zumindest, es versuchen...
4. Rückwärtsgang.
5. Ein paar hundert Meter rückwärts auf dem Standstreifen einer deutschen Autobahn fahren.
6. Vorwärts zur Ausfahrt raus
7. Für den Fall, dass ein weißer Transportwagen mit Hamburger Kennzeichen involviert ist - einfach nach 3. mit 3b weitermachen
3b. Vorwärts über den Rasen fahren
Muss man auf jeden Fall mal gemacht haben...
Zum Abschluss noch ganz dicke Glückwünsche an den Bodo (Meister), Dennis (Meister der Herzen), Eric (Meister des Pokerns), Marc (Meister des Adels), Alex (Meister des Billard) und Morpheus (Meister der kolumbianischen Krawatte)
Der MiDi




Kommentar von mmgun am 28. September 2007
Der Midi hats halt drauf, wie immer.
Allerdings frage ich mich, wie man mehr als 1x vom Baeren verspeist werden kannn (;
Kommentar von Huy Dinh am 28. September 2007
Wie der AlexS mich beim Billard ausgezogen hat. So dreist... ;)
Darf ich Euch Ossis naechstes Jahr beim Laenderspiel verstaerken? Vorausgesetzt, die Nats sind nicht so weit weg.
Kommentar von Teardrop am 28. September 2007
Oh wie gut ist dieser Bericht. Und man lernt fast mehr über die DM als anderswo o_0
Schade MiDi, das es für Dich mit dem 2. Draftdeck nicht gereicht hat, ich hätte dem Deck spontan deutlich mehr zugetraut!
Kommentar von Iceawarlock am 28. September 2007
Wow, einfach mal wieder toll, da werden Erinnerungen wach :-)
Und mich als Meister des Pokerns zu bezeichnen, weil ich die kleine 8 Mann Runde gewonnen habe, halte ich btw. für sehr gewagt^^
Als nächstes wird ja dann Krakauf unsicher gemacht, freu mich schon drauf, wäre cool, wenn du wieder son Spitzendeck bastelst!
Kommentar von Kofi am 29. September 2007
@ Huy: Nächstes Jahr war eigentlich die Idee ein 4-Mannschaften-Turnier zu machen, sprich Ost gegen West und Nord gegen Süd mit anschließendem Finale. Ob das aber klappen wird...
Kommentar von Valentin am 30. September 2007
Nice, sophisticated funny wordings like usual. ;) Could you mail me again about the situation concerning Krakau? ¡hasta luego! Valentino
Kommentar von AlexS am 23. Oktober 2007
Herrlich, habe es nicht bemerkt da der Urlaub wartete, guter Artikel Midi.
Komme nicht nach Krakau -> Nachprüfungen,
bis bald...
@Huy Harharhar
Kommentar von Mike am 21. November 2007
Große Klasse, aber das ist man ja gewohnt vom MiDi.